Wenn der Physikunterricht plötzlich nach Wein riecht und der Sportunterricht durch die Weinberge kraxelt, dann steckt garantiert ein besonderes Projekt dahinter. Und zwar zu einem Thema, das direkt vor der eigenen Haustür wächst: der Weinbau im Burgenlandkreis und seine Zukunft im Klimawandel.

Kaum ein Symbol ist so eng mit dem Selbstverständnis der Region verbunden wie die Weinrebe. Schließlich ziert sie sogar das Wappen des Burgenlandkreises. Kein Wunder also, dass die Wahl auf ein Thema fiel, das Wirtschaft, Tourismus und regionale Identität miteinander verbindet und ganz nebenbei auch jede Menge Biologie und Physik bereithält. Durch den schuleigenen Weinberg verfügte die Klasse bereits über Vorwissen. Auch die zuvor behandelten genetischen Grundlagen boten eine gute Basis, um sich mit der Anpassung von Lebewesen an veränderte Umweltbedingungen auseinanderzusetzen. Die Zutaten für ein fächerübergreifendes Projekt waren also längst vorhanden. Sie mussten nur noch zusammengebracht werden.
Mit den von der LMU München mitentwickelten Klimakoffern ging es zunächst mitten hinein in die Physik des Klimawandels. Dabei beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit Ursachen und Auswirkungen, indem sie experimentierten, anstatt nur auswendig zu lernen. Anschließend übertrugen sie ihre neu gewonnenen physikalischen Erkenntnisse in Kleingruppen auf die Praxis des Weinbaus: Wie wirkt sich der Klimawandel auf den Weinbau aus? Und welche Maßnahmen können gegen Extremwetterereignisse wie Frost, Hagel, Starkregen und Dürre getroffen werden, um Ernteverluste oder eine zu frühe Reife der Trauben zu verhindern?
Aus den recherchierten Informationen zu möglichen Anpassungsmaßnahmen, darunter Frostschutz, Bodenbegrünung, Tröpfchenbewässerung, nachhaltige Anbaumethoden, Photovoltaik und PIWI-Reben, erstellten die Expertengruppen laminierte Übersichten, gewissermaßen „Winzerwissen zum Mitnehmen“.


Am zweiten Tag verließ das Klassenzimmer endgültig seine vier Wände. Auf einer Wanderung durch die Weinbauregion präsentierten die Gruppen ihre Themen direkt am Ort des Geschehens. Die eigentliche Aufgabe bestand jedoch darin, genau hinzuschauen: Welche der zuvor untersuchten Maßnahmen werden in der Region bereits umgesetzt, welche fehlen noch? Anschließend wurden die Beobachtungen gemeinsam diskutiert.
Dabei konnten unter anderem Heizdrähte zum Schutz vor Spätfrösten, mehrere Tröpfchenbewässerungsanlagen sowie unterschiedlich ausgeprägte Formen der Bodenbegrünung entdeckt werden. PIWI-Reben sind aufgrund der vergleichsweise hohen Investitionskosten bei Neuanpflanzungen bislang noch eher selten zu finden. Auch die Kombination von Weinbau und Photovoltaik, etwa in Form einer hybriden Nutzung von Weinbergsflächen, blieb auf unserer Weinwanderung noch ein Zukunftsthema. Ein entsprechendes Konzept der Hochschule Geisenheim zeigt jedoch, dass solche Ansätze bereits entwickelt und erforscht werden. Gleichzeitig wächst auch im Burgenlandkreis das Interesse daran, Weinbau und Photovoltaik miteinander zu verbinden.
Am Ende stellte sich jedoch eine entscheidende Frage: Rechnen sich die jeweiligen Maßnahmen für einen Weinbaubetrieb überhaupt?
Wer über mehrere Einnahmequellen verfügt, kann Ernteausfälle unter Umständen leichter abfedern. Ein kleines Hotel, ein Restaurant, eine Straußwirtschaft oder auch ein Vollzeitjob neben der Arbeit im eigenen Weinberg können zusätzliche finanzielle Sicherheit bieten. Gleichzeitig können solche zusätzlichen Standbeine dazu führen, dass hohe Investitionen in den Weinberg aus wirtschaftlicher Sicht weniger attraktiv erscheinen. Als Extrembeispiel ist sicherlich unser Schulweinberg zu nennen, der überhaupt nicht darauf ausgerichtet ist, Gewinne zu erwirtschaften. Größere Weingüter hingegen sind stärker auf stabile Erträge angewiesen und haben einige der untersuchten Maßnahmen bereits umgesetzt.
Bedenkt man zudem, dass der Alkoholkonsum insbesondere bei jüngeren Menschen rückläufig ist und das Vertrauen der langjährigen Kundschaft in den Geschmack neuer PIWI-Rebsorten erst noch wachsen muss, bleibt die weitere Entwicklung unserer Weinbauregion spannend. Von der Produktion alkoholfreier oder lieblicher Weine bis hin zu einer stärkeren Verzahnung von Weinproduktion und Tourismus im Sinne eines Erlebnisweinbaus ist vieles denkbar. Gleichzeitig stehen die Winzerinnen und Winzer vor der Herausforderung, den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel bis 2030 deutlich zu reduzieren und den Weinbau an die Folgen des Klimawandels anzupassen.

Schlussendlich stellten die Schülerinnen und Schüler, wie so oft, fest: Je intensiver man sich mit einer Thematik auseinandersetzt, desto mehr Fragen tun sich auf. Eines lässt sich jedoch klar sagen: Der Klimawandel ist kein abstraktes Thema, das nur in Schulbüchern oder Klimadiagrammen stattfindet. Er steht direkt vor der eigenen Haustür und wächst dort, wo andere ihren Wein anbauen.
Toni Zimmermann, Christian Raskin und René Berghof
